18.01.2019

Ich bin ein Stein
Ich habe Leben und Tod gesehen
Ich habe Glück erfahren, Sorge und Schmerz
Ich lebe das Leben des Felsen 
Ich bin ein Teil unserer Mutter Erde
Ich fühle ihr Herz schlagen an meinem
Ich fühle ihren Schmerz
Ich fühle ihr Glück 
Ich lebe das Leben des Felsen
Ich bin ein Teil unseres Vaters, des großen Geheimnisses

Ich habe seine Trauer gefühlt 
Ich habe seine Weisheit gespürt
Ich habe seine Geschöpfe gesehen,
meine Geschwister, die Tiere, die Vögel,
die redenden Wasser und Winde, die Bäume
und alles auf der Erde und alles im Universum

Ich bin den Sternen verwandt 
Ich kann sprechen, wenn du zu mir sprichst
Ich höre zu, wenn du sprichst
Ich kann dir helfen, wenn du Hilfe brauchst 
Aber verletze mich nicht, denn ich kann fühlen wie du
Ich habe Kraft zu heilen, doch du musst sie in mir suchen

Vielleicht denkst du, ich sei nur ein Stein,
der in der Stille liegt, auf feuchtem Grund

Aber ich bin mehr
Ich bin ein Teil des Lebens
Ich lebe

Ich diene denen, die mich achten

 

>>Gebet der HOPI-Indianer<<

20.12.2018
 
“ Mitgefühl ist das innere Wissen darum,
dass wir alle in einem Feld
miteinander verbunden sind
und voneinander abhängen.”
 
Unbekannt

10.12.2018

fallen den Steinen
Tag und Nacht
aus Wolkenflügeln
in den Traum

und während Menschenhand
lauschend
aus Steinen Kelche formt
Sonnengefässe

kann es sein
dass ein Flüstern sich befreit
Flamme wird im Raum
stilles Erkennen

dass im Stein
namenlos der Stern schläft
der Baum
die Blume
und das wilde Tier

unendlich nach innen horchend

 

Maryse Bodé

05.12.2018

 

Und du wartest, erwartest das Eine,

das dein Leben unendlich vermehrt;

das Mächtige, Ungemeine,

das Erwachen der Steine,

Tiefen, dir zugekehrt.

 

Es dämmern im Bücherständer

die Bände in Gold und Braun;

und du denkst an durchfahrene Länder,

an Bilder, an die Gewänder

wiederverlorener Fraun.

 

Und da weisst du auf einmal: das war es.

Du erhebst dich, und vor dir steht

eines vergangenen Jahres

Angst und Gestalt und Gebet.

 

Rainer Maria Rilke

27.11.2018

Seltsam im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum kennt den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freuden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war,
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsam sein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse